Handel profitiert vom EU-Beitritt


JOSEF PÖSCHL

HANDELSBLATT, 6.10.2004

WIEN. Die tschechische Konjunktur erlebt seit dem letzten Jahr einen Aufwärtstrend. Allerdings erreicht das Wachstum der Volkswirtschaft nicht jene Spitzenwerte, die in Polen und anderen neuen EU-Staaten zu beobachten sind. So stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr um 3,8 Prozent. Treibende Kraft waren die Anlageinvestitionen, die damit den privaten Verbrauch als bisherigen Wachstumsmotor abgelöst haben. Für das ganze Jahr 2004 ist mit einer Zunahme des BIP von mindestens vier Prozent zu rechnen.

Tschechien ist ein gutes Beispiel dafür, wie der EU-Beitritt den Han-del zwischen den alten und neuen Mitgliedern der Gemeinschaft gefördert hat. Gemessen in laufenden Preisen und auf den Euro umgerechnet, ist der tschechische Export in den Monaten Mai bis Juli um 29,6 Prozent gestiegen, während der Import um 24,3 Prozent zugelegt hat. Dieser Zuwachs betrug etwa das Zweieinhalbfache des Ergebnisses in den ersten vier Monaten des Jahres also vor dem Beitritt. Besonders hoch waren die Steigerungsraten im Bereich der Nahrungsmittel, der zuvor noch nicht völlig liberalisiert war. Die Unternehmen, die im Außenhandel aktiv sind, haben also die Erleichterungen an den Grenzen, insbesondere den Wegfall der Zollabfertigung, kräftig genutzt.

Im Ergebnis war die Handelsbilanz des Landes in den ersten sieben Monaten fast ausgeglichen. Die Stärke des tschechischen Exports liegt besonders bei Maschinen und Transportmitteln, während diese Warengruppe bei den Importen weniger dominant ist. Hier zeigt sich der starke Zustrom ausländischer Direktinvestitionen nach Tschechien und die starke Einbindung des Landes in transnationale Distributionsnetze. Knapp 90 Prozent der tschechischen Exporte gehen in die erweitere EU, davon 38 Prozent nach Deutschland. Bei den Importen kommen 72 Prozent aus der EU, davon 32 Prozent aus Deutschland.

Ausschlaggebend für die Wettbewerbsfähigkeit tschechischer Waren auf den internationalen Märkten ist die gestiegene Arbeitsproduktivität, die im ersten Halbjahr 2004 um 13 Prozent zugelegt hat. Während die Industrieproduktion beträchtlich anstieg, ging die Zahl der Beschäftigten zurück. Gemessen in tschechischer Währung, war der Zuwachs bei den Bruttolöhnen nur halb so groß wie bei der Arbeitsproduktivität, gemessen in Euro sogar noch geringer. Um die Mitte des Jahres lag der Durchschnittslohn bei 532 Euro.

Noch im vergangenen Jahr war Tschechien ein Land ohne Inflation. Wenn sie in diesem Jahr wieder zunimmt, dann geht das nicht in erster Linie auf die Entwicklung der Märk-te sondern auf das Eingreifen des Staates zurück. Den großen Sprung machte der Preisindex zu Beginn des Jahres, weil die Regierung die indirekten Steuern EU-konform gemacht hat, was in den meisten Fällen eine Erhöhung mit sich brachte. Die Inflationsrate steigt auch immer dann, wenn der öffentliche Sektor die Obergrenzen der Preise für regulierte Güter erhöht. So haben die Verbraucherpreise im ersten Halbjahr 2004 um 2,5 Prozent, die Produzentenpreise um 3,4 Prozent zugelegt. Um möglichen Inflationserwartungen gegenzusteuern, hat die Nationalbank die Zinssätze erhöht.

Wahrscheinlich wird es der tschechischen Regierung gelingen, das Defizit im Staatshaushalt wie angestrebt unter sechs Prozent zu halten. Denn das nominelle BIP wird 2004 wegen der hohen realen BIP-Wachstumsrate und höheren Inflationsrate ziemlich deutlich ausfallen. Und das wird sich auf das Steueraufkommen positiv auswirken. Im Vorfeld der Übernahme des Euro wird es Tschechien vermutlich gelingen, das Defizit im Staatshaushalt in die Nähe eines Werts von drei Prozent zu bringen, wie die Maastricht-Kriterien der EU vorschreiben. Die gesamte öffentliche Verschuldung liegt gegenwärtig bei 43 Prozent des BIP und steigt weiter an. Allerdings ist es noch ein beträchtlicher Abstand bis zu den 60 Prozent, die von Maastricht als Obergrenze festgesetzt wurden.

Einzelne Regierungsmitglieder wie der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Martin Jahn befürworten einen Beitritt Tschechiens zum EU-Wechselkursmechanismus ERM-II im Jahr 2008 und eine Übernahme des Euro zwei Jahre danach. Insgesamt weckt der ERM-II-Mechanismus in Prag allerdings wenig Enthusiasmus. Insbesondere die Nationalbank interpretiert ihn als Phase von mindestens zweijähriger Dauer, in der es darum geht, Stabilität zu beweisen. Sie sieht diesen Zeitraum aber auch als Phase erhöhter Anfälligkeit gegenüber Attacken aus dem Ausland. Ihrer Meinung nach soll Tschechien erst an diesem Mechanismus teilnehmen, wenn die Chancen hoch sind, dass diese Bewährungsprobe in einer Mindestzeit überstanden werden kann.

Josef Pöschl, Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche

 

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