Lohnt sich für Privatanleger ein Investment in Osteuropa?
Drei Dresdner-Bank-Experten bewerten die Renditechancen von osteuropäischen Aktien, Anleihen und Immobilienfonds.
Dresdner Bank AG
Frankfurt am Main, 28. April 2004
Die EU-Neulinge sind keine ökonomischen Schwergewichte. Es sind aber einige interessante und äußerst wachstumsstarke Volkswirtschaften darunter. Zumindest die "Großen Drei" Tschechien, Polen, Ungarn bieten Investoren attraktive Renditechancen, wenn man das richtige Anlageobjekt und vor allem den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt wählt. Positive Erwartungen für Aktien Nach einer fünfjährigen Kursrallye sind viele positiven Erwartungen schon in den Kursen eingepreist und die Bewertungen teilweise recht hoch. Das birgt das Risiko von überteuerten Einstiegspreisen und kurzfristigen Rückschläge in sich.
Mittelfristig schlummern in den relevanten osteuropäischen Börsen jedoch noch Aufwärtspotenziale, denn sie rangieren unter dem westeuropäischen Bewertungsniveau. Und die Zeiten, da Osteuropa milliardenschwere EU-Infrastrukturbeihilfen zur Ankurbelung der wirtschaftlichen Entwicklung bekommen wird, stehen ja erst noch bevor.
"Die Beitrittskandidaten weisen ohnehin wegen ihres wirtschaftlichen Aufholprozesses ein überdurchschnittliches Wachstum auf", erklärt Jörg Uhlendorf, Anlageexperte der Dresdner Bank. Investoren müssen allerdings gute Aktien aus einem noch relativ kleinen Angebot herauspicken: Im Vergleich zu Deutschland sind die Börsen der neuen EU-Länder winzig. Die Marktkapitalisierung von Tschechien, Polen und Ungarn beträgt zusammen rund 50 Milliarden Euro – und damit nur ein Zehntel dessen, was alleine die 30 DAX-Unternehmen aufzuweisen haben.
Anleger sollten vor allem Branchen im Blick behalten, die im wirtschaftlichen Aufholprozess von steigenden Einkommen und mit fortschreitender Konvergenz von sinkenden Zinsen profitieren – vor allem Banken, Versorger, Telekommunikation und Konsumwerte.
Fonds ratsam Doch Vorsicht: Die meisten Börsenplätze in Osteuropa gelten als wenig liquide. Nur in Polen ist die Situation besser. Von daher sollte ein Kapitalanleger eher ein Zertifikat oder einen Investmentfonds erwerben. Gegen Einzelaktien sprechen auch die schwierige Informationsbeschaffung sowie Sprachbarrieren. Deutsche Medien berichten kaum oder gar nicht über osteuropäische Firmen, und die Abschlüsse sind bestenfalls in englisch, teilweise jedoch ausschließlich in Landessprache erhältlich.
Und welche deutschen Börsenwerte könnten von der EU-Osterweiterung profitieren? Uhlendorf: "Zweierlei Arten von Firmen: Einerseits die mit Produktionsstandorten in Osteuropa – zum Beispiel die Autokonzerne – und andererseits alle Anbieter von Massenprodukten und Dienstleistungen wie Telekommunikation, Einzelhandel, Autos, Banken oder Versicherungen, da sie in Osteuropa auf kaum gesättigte Märkte stoßen." Osteuropäischer Anleihenmarkt ist komplex Der Markt für osteuropäische Anleihen ist komplex. Es gibt Papiere in lokalen Währungen und solche in Dollar oder Euro. Regierungen begeben Anleihen, aber auch Unternehmen versuchen, auf diese Weise Kapital einzusammeln.
Das Fazit von Michael Discher-Remmlinger vom dit – Deutscher Investment Trust: "Hier spielt für den Privatanleger derzeit nicht die Musik." Bei osteuropäischen Staatsanleihen auf Eurobasis ist es für einen Einstieg zu spät, da viele positive Erwartungen zum EU-Beitritt schon eingepreist sind. Man erhält derzeit aber immerhin noch einen Zins, der 0,2 bis 0,6 Prozentpunkte über dem einer Bundesanleihe liegt. Bei Lokalwährungsanleihen mussten Anleger in den vergangenen Monaten empfindliche Währungsverluste verkraften. Bei einer ungarischen Forintanleihe hat man zum Beispiel seit Januar 2003 bis heute 8 Prozent alleine aus der Währung verloren, bei polnischen Zloty-Papieren sogar 19 Prozent. Die Attraktivität dieser Papiere hängt in Zukunft vom äußerst schwer vorhersagbaren Wechselspiel aus Zinspolitik, Haushaltsdefizit und Wechselkursrelation ab – in dieses Kräftedreieck sollten sich nur sehr risikobereite und hervorragend informierte Anleger begeben.
Sind osteuropäische Unternehmensanleihen etwas für Privatanleger? Discher-Remmlinger: "Da gibt es gar nicht viele, der Markt muss sich erst noch entwickeln. Die Unternehmen gleichen sich westeuropäischen Corporate-Governance-Standards an, es bleiben für Privatanleger aber noch die Sprach- und Informationsbarrieren." Nachfrageschub für Immobilienmärkte in Osteuropa erwartet
Mit dem EU-Beitritt steigt für viele osteuropäische Hauptstädte ihre Attraktivität als Wirtschaftsstandort. Das gilt vor allem für Warschau, Budapest und Prag. Für die Immobilienmärkte in diesen Städten wird ein spürbarer Nachfrageschub erwartet.
Der DEGI/Dresdner-Bank-Immobilienexperte Thomas Beyerle: "Die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien westlichen Standards steigt. Und auch für internationale Firmen wird es nach der Osterweiterung bald noch selbstverständlicher sein, Büros in Prag, Budapest oder Warschau zu mieten."
Allerdings ist der Bestand an modernen Büroflächen in Osteuropa relativ gering, also auch die Zahl der Objekte, die sich für professionelle Investments eignen. Wenn man aber ein attraktives Objekt identifiziert hat, lassen sich damit höhere Anfangsrenditen erzielen, die derzeit noch drei Prozentpunkte über dem westeuropäischen Durchschnitt liegen.
Der Beitritt zur EU wird neben anderen Annäherungsprozessen jedoch dazu führen, dass sich die Renditen – über einen längeren Zeitraum gesehen – voraussichtlich dem durchschnittlichen Niveau westeuropäischer Standorte angleichen.