Dichtung und Wahrheit : Die Jobverlagerung
von Sebastian Dullien
Die FTD überprüft Wahlkampf-Getöse - heute: "Es werden jeden Tag aus Deutschland 1000 Jobs verlagert" (Volker Kauder in der Sendung "Christiansen" am 12. Juni)
Dichtung
Wenn Politiker den katastrophalen Zustand der deutschen Wirtschaft belegen wollen, verweisen sie gerne auf Jobverlagerungen ins Ausland. Zuletzt behauptete CDU-Generalsekretär Volker Kauder in der Talk-Runde "Sabine Christiansen", täglich würden 1000 Stellen ins Ausland verlagert. Wahrheit
Es gibt keine gesicherten Daten über Jobverlagerungen. Die Münchener Expertin Dalia Marin schätzt, dass knapp 10.000 Jobs pro Jahr ins Ausland abwandern. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht sogar von 50.000 Stellen jährlich aus. Selbst diese hohe Schätzung würde nur eine Verlagerung von 140 Jobs pro Tag bedeuten. Allerdings räumt selbst der DIHK ein, dass es sich bei den 50.000 um die Zahl der Stellen handelt, die bei deutschen Firmen im Ausland geschaffen wurden. Da ein großer Teil dieser Arbeitsplätze im Handel und Dienstleistungssektor entstanden ist, und direkt den ausländischen Markt bedient, dürfte die Zahl der echten Verlagerungen deutlich niedriger liegen. Möglicherweise macht Kauder seine These am Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung fest. Tatsächlich sind in den vergangenen zwölf Monaten rund 300.000 solcher Stellen verloren gegangen. Allerdings sind diese Jobs nicht der Verlagerung zum Opfer gefallen. Zum einen ist der Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze zuletzt durch einen rapiden Zuwachs von Mini-Jobs, Ich-AGs und anderen Beschäftigungsverhältnissen mehr als wett gemacht worden. Zudem bedeutet auch der Verlust eines Jobs bei uns noch lange nicht, dass die Stelle ins Ausland verlagert worden ist. Alleine am deutschen Bau gingen im vergangenen Jahr rund 100.000 Jobs verloren. Auch der Einzelhandel und die öffentliche Hand haben kräftig Stellen gestrichen. Diese Arbeitsplätze aber sind nicht ins Ausland verlagert worden, sondern ganz einfach nur verschwunden.
Aus der FTD vom 17.06.2005
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