Deutsche Banken hinken in Osteuropa hinterher


Osteuropa ist derzeit einer der wichtigsten Wachstumsmärkte mit großen Chancen für Banken. Doch ausgerechnet dort sind die deutschen Institute nach Meinung von Finanzexperten zu schwach vertreten.


FRANKFURT/M. "Die deutschen Banken sind in Osteuropa weit unterrepräsentiert", sagt Peter Kollmann, Ko-Leiter des deutschen Investment-Bankings bei Merrill Lynch. Mit der geplanten Übernahme der Hypo-Vereinsbank durch die italienische Großbank Unicredito könnte die Mailänder Bank die Marktführerschaft in der Region übernehmen. Diesen Vorsprung aufzuholen, werde schwer sein, meint Kollmann.

"Das Wachstumspotential ist enorm", sagt Kollmann. Viele ausländische Institute hätten die Chancen erkannt und seien bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in die osteuropäischen Märkte eingestiegen. Neben Raiffeisen International zählt Kollmann die österreichische Erste Bank, die Belgische KBC und die französischen Société Générale zu den Instituten, die sich im Laufe der Jahre eine gute Ausgangsbasis in Ost- und Mitteleuropa geschaffen haben. All diese Banken kämen mittlerweile auf eine Bilanzsumme von etwa 30 Mrd. Euro in der Region. Durch die geplante Übernahme der HVB-Tochter Bank Austria habe sich Unicredito jetzt in eine höhere Liga katapultiert. Gemeinsam kommen beide Institute auf eine Bilanzsumme von rund 70 Mrd. Euro im Osteuropageschäft. Damit sind HVB und Unicredito in mehreren osteuropäischen Ländern die Nummer eins.

Im Gegensatz zur ausländischen Konkurrenz sind die deutschen Banken im Osten im Wesentlichen mit eigenen Tochtergesellschaften und wenigen Filialen vertreten. Neben der HVB ist die Commerzbank am stärksten in Osteuropa engagiert. Sie ist zu 72 Prozent an der polnischen Bre-Bank beteiligt, die dort die fünftgrößte Bank ist. In Tschechien, Ungarn und Russland ist die Commerzbank mit Filialen oder Tochterunternehmen vertreten. Die Commerzbank weist die Kritik zurück, sie sei im Osten im Vergleich zu anderen Banken schwach aufgestellt. "Wir sehen uns in Osteuropa sehr gut positioniert, erklärt Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch. Dennoch will die Commerzbank in Osteuropa stärker werden. Akquisitionen seien nicht ausgeschlossen.

Ähnlich sieht es bei der Deutschen Bank aus. Sie ist mit zwölf Tochtergesellschaften in sechs osteuropäischen Ländern vertreten. Darüber hinaus unterhält die führende deutsche Bank in Russland ein Joint Venture mit dem Broker UFG. In Polen ist die Bank mit 30 Filialen vertreten. Dort soll das Filialnetz weiter ausgebaut werden sagte ein Sprecher. Auch er sieht sein Institut im Osten gut aufgestellt.

Fest steht aber: Die deutschen Banken betreiben im Ausland hauptsächlich Firmenkunden-Geschäft und Investment-Banking. "Die deutschen Banken verfolgen im Ausland eine ähnliche Strategie wie im Inland", sagt Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co. Das Geschäft mit Privatkunden haben die deutschen Institute, wie lange im Inland, auch im Ausland vernachlässigt. Dabei ließen sich hier die größten Gewinne erzielen, meint Walid Khalfallah, Analyst bei Merrill Lynch. Denn gerade in Osteuropa zeichne sich das Privatkundengeschäft durch große Wachstumsmöglichkeiten und große Margen aus. Mit einfachen Bankprodukten ließen sich mehr als doppelt so hohe Gewinnspannen erzielen wie im Westen Europas.

"Die deutschen Banken haben in den vergangenen Jahren ein starkes Gewicht auf das Investment-Banking gelegt", sagt Analyst Becker. Investmentbanker Kollmann sieht vor allem einen Grund für die Zurückhaltung der deutschen Banken. Die Institute seien zu sehr mit dem Heimatmarkt beschäftigt gewesen, zuerst durch die Wiedervereinigung und später durch Börsenboom und Bankenkrise.

"Die Aufholjagd wird sehr schwierig", meint Kollmann. Durch organisches Wachstum lasse sich der Rückstand kaum aufholen. Vor allem um in das Geschäft mit Privatkunden einzusteigen, blieben nur Übernahmen – vorwiegend im Zuge von Privatisierungen. "Die sind mittlerweile aber recht teuer", erläutert der Investmentbanker. Hinzu kommt: In den meisten Ländern sind die Märkte bereits verteilt. "Die meisten osteuropäischen Märkte sind ausverkauft", sagt Khalfallah. Eine Ausnahme sei Rumänien. Hier gebe es noch zwei große Banken. "An denen ist eigentlich jede große europäische Bank interessiert", erzählt Khalfallah. Hinzu kämmen Russland und die Ukraine. Auch dort gebe es noch Übernahmekandidaten. Doch das Risiko sei in diesen Ländern höher, da sie politisch weniger stabil seien.

Quelle: Handelsblatt 29.6.05

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